Zur Geschichte vom Klusplatz
Einleitung
Diese kurze Geschichte des Klusplatzes umfasst etwa die letzten 130 Jahren: von der Eingemeindung Hirslandens in die Stadt Zürich 1893 bis heute.
Für die Entwicklung des Klusplatzes sind vier Zeiträume von besonderer Bedeutung:
1893 – 1897 Erste Zürcher Eingemeindung: Hirslanden wird Teil der Stadt Zürich
1905 – 1911 Bau des Theodosianums mit Kluspark; Verlängerung der Tramlinie zum Klusplatz
1923 – 1928 Rege Bautätigkeit («Bauboom»)
1963 – heute Erweiterung der Tramschleife; Doppelspuren auf Witikoner- und Asylstrasse
Der Begriff «Klus» verweist auf einen Quer-Einschnitt: Der Hegibach (seit über 100 Jahren beim Waldrand eingedolt, also ‘unterirdisch’ verlaufend) bildet ein markantes Tälchen quer zum Zürichseetal, welches vor 20'000 Jahren vom Linthgletscher gebildet worden war.
«Klus» – «Unterer Sonnenberg» – «Klusplatz»
Die Bezeichnung Klusplatz wurde erst ab etwa 1910 verwendet, da es sich vorher nur um eine Strassenkreuzung am oberen Ortsende der Gemeinde Hirslanden gehandelt hatte. Auf Landkarten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts hiess die Gegend des heutigen Klusplatzes allgemein «Klus» oder «Unterer Sonnenberg», einige Strassenbezeichnungen begannen mit «Klus».
1893 – 1897: Hirslanden wird eingemeindet
Mit der ersten Eingemeindung 1893 kamen insgesamt 11 Nachbargemeinden Zürichs zur Stadt, so auch die bis dahin eigenständige Gemeinde Hirslanden. Die Gegend um den heutigen Klusplatz war damals noch wenig bebaut, teilweise gar unbebaut.
Exkurs 1: Eingemeindung und Steuern
Die Eingemeindung von Aussersihl, Enge, Fluntern, Hirslanden, Hottingen, Oberstrass, Riesbach, Unterstrass, Wiedikon, Wipkingen und Wollishofen in die Stadt Zürich 1893 wird oft ‘paternalistisch’ interpretiert: als ‘Segen’ für die Aussengemeinden, die jetzt unter städtischem Schutz stünden. Das ist quasi die Fortsetzung des alten Zürcher Stadt-Land-Grabens zwischen der dominanten, konservativen, ständischen Stadt Zürich und den unterlegenen, fortschrittlichen, demokratischen Landgemeinden. Hirslanden («Bauern», «Gewerbetreibende», «Handwerker») kam in der Beurteilung noch vergleichsweise gut weg. Anders erging es etwa Aussersihl, das angeblich verarmt («armengenössig») war. Den Aussersihler Schulden (Passiven) sind aber die ausgebaute Infrastruktur (Aktiven) entgegenzuhalten: kommunalisierte Wasserzufuhr auf neuestem Stand, ebenso wie das Abwassersystem, und die Kehrichtverbrennung an Stelle von Mülldeponie.
Das eigentliche Problem nach der Gründung des schweizerischen Bundesstaates 1848 waren die Finanzen. Zehnten sowie Binnenzölle und -abgaben waren abgeschafft worden bzw. an den Bund gegangen (Grenzzölle), der also ausschliesslich indirekte Steuereinnahmen (plus Kapitalerträge davon) besass. Kantone und Gemeinden hatten nur Einnahmen aus Vermögenssteuern und manchmal aus Kopfsteuern. Progressive Einkommenssteuern wurden erst nach dem Ersten Weltkrieg eingeführt. Zudem war die Rolle der Kantonalbanken als Kreditgeber der öffentlichen Hand erst in Entwicklung. Dadurch hatten nur diejenigen Gemeinden genügend Einnahmen für ihre wachsenden (Infrastruktur-)Aufgaben, in denen viele vermögende natürliche Personen wohnten. Fast alle Schweizer Gemeinden waren bis 1914 auf finanzielle Zuwendungen des Bundes angewiesen. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges brach der internationale Handel ein, womit die Zolleinnahmen des Bundes drastisch sanken. Damit war endgültig klar, dass die Einnahmen von Bund, Kantonen und Gemeinden auf neue Grundlagen gestellt werden mussten: Der Aufbau des heutigen Steuersystems begann.
1905 – 1911: Bau des Spitals Theodosianum mit Kluspark und Verlängerung der Tramlinie zum Klusplatz
1905 sah es um den Klusplatz folgendermassen aus: Oberhalb des Klusplatzes lag das Gartenrestaurant «Zur Klus». An der Hegibachstrasse – bei der heutigen Bushaltestelle 31/33 – befanden sich eine «Specereihandlunng» und das Restaurant «Zur Alten Klus Frau Häni». Im Gebäude, das seit 1973 «Teppichhaus Klusplatz» ist, war eine Filiale des «Lebensmittelvereins Zürich» («Läbis», 1970 von Coop übernommen). Dass ein Gruppe Kinder, die meisten barfuss, wie damals üblich, mitten auf dem noch unbefestigten und wenig befahrenen Klusplatz posierten, ein Junge sogar auf Stelzen ging, ist heute schlicht unvorstellbar!
Wichtige Veränderungen um den Klusplatz waren der Bau des Spitals Theodosianum in zwei Etappen zwischen 1898 und 1910 und die Verlängerung der Tramlinie 3 vom Römerhof zur neuen Endhaltestelle Klusplatz 1911. Erwähnenswert ist, dass die 1893 gegründete private Strassenbahn AG Hottingen-Hirslanden von Beginn an auf die zukunftsweisende Meterspur und den elektrischen Antrieb gesetzt hatte, was nach dem schrittweisen Aufkauf der insgesamt acht privaten Strassenbahngesellschaften durch die Stadt Zürich zur Norm wurde.
Exkurs 2: Ansichtskarten und Kommunikation
Dank neuer fotografischer Geräte und Techniken konnten ab der Wende zum 20. Jahrhundert Ansichtskarten billig auch in kleinen Auflagen hergestellt werden. So entwickelte sich schnell, ähnlich der heutigen SMS oder WhatsApp, ein neuer kommunikativer Stil: mit einer Kombination von fotografischer Momentaufnahme und Kurztext konnte man aktuelle Signale aussenden, die von der Post innerhalb eines Tages dem Empfänger zugestellt wurden. Im Jahr 1913 wurden in der Schweiz (mit damals 3.8 Mio. Einwohnern) pro Person und Jahr rund 120 Ansichtskarten verschickt und zugestellt. Dieser Umstand gab Fotografen eine Erwerbsmöglichkeit bis über die Jahrhunderthälfte, so etwa Friedrich Ruef-Hirt (1873-1927), der 1905 alle Plätze, Strassen und Häuser der Stadt Zürich fotografierte und als Ansichtskarten anbot. Später ging der Fotograf Hugo Kopp (1901-1992), der an der Witikonerstrasse 34 in Zürich-Hirslanden wohnte und dort zwischen 1938 und 1990 sein Fotoatelier und einen Ansichtskartenverlag hatte, neue Wege, indem er vor allem Luftaufnahmen aus Flugzeugen machte und als Ansichtskarten anbot, ähnlich wie schon etwas früher «Kapitän Eduard Spelterini» (eigentlich Eduard Schweizer, 1852-1931) Aufnahmen auf Ballonfahrten gemacht und verkauft hatte. Viele dieser Ansichtskarten blieben erhalten und sind heute wichtige visuelle Quellen zu Ereignissen und Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Auf Flohmärkten, in Antiquariaten und auf Ricardo entdeckt man auch heute noch Ansichtskarten mit Luftansichten von mehr oder weniger vertrauten Gegenden in der Schweiz.
1923 – 1928: Bauboom um den Klusplatz
Der eigentliche Bauboom um den Klusplatz fand in den 1920er Jahren statt: Sowohl oberhalb wie unterhalb des Klusplatzes entstanden zahlreiche Wohn- und Geschäftshäuser; die meisten dieser Häuser stehen heute noch und sind dank guter Bauqualität ‘im Schuss’. 1930 hat der Klusplatz bereits grosse Ähnlichkeit mit den heutigen Verhältnissen: Im geschwungenen Gebäude oberhalb des Platzes waren die «Klus-Apotheke» sowie weitere Geschäfte und die Tramendhaltestelle war am heutigen Ort, hatte allerdings nur eine Spur und wurde im Gegenuhrzeigersinn befahren. Dann brachten die Folgen der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre und der Zweite Weltkrieg 1939-45 einen Unterbruch der zuvor rasanten Entwicklung.
Exkurs 3: Weltkriege und Erwerbsersatz sowie Kälteperioden
Während des Ersten Weltkrieges kamen die Familien vieler Soldaten, die Aktivdienst leisteten, in Not, denn es gab noch keinen Erwerbsersatz. Ja, die Erwerbsersatzordnung wurde erst im Dezember 1939, d.h. nach Beginn des Zweiten Weltkrieges und daraus resultierendem weitverbreiteten Aktivdienst eingeführt, obwohl schon 25 Jahr zuvor deren Notwendigkeit offenkundig geworden war. Aber auch die Arbeitslosigkeit von rund 7 Prozent in den 1930 Jahren (Weltwirtschaftskrise) erfuhr keine Abfederung, da die Arbeitslosenversicherung erst 1977 in der Schweiz gesetzlich verankert wurde.
In der Zeit der beiden Weltkriege (1914-1918 und 1939-1945) kam es zu den beiden längsten Kälteperioden des 20. Jahrhunderts mit extremer langanhaltender Kälte, welche sich in mehreren ‘Seegfrörnen’ offenbarten, nämlich 1915 (‘Seegfrörni’ von 20 Tagen plus zuvor 35 Tage mit Temperaturen von -12°C. = 55 Tage), 1917 (40 plus 35 Tage = 75 Tage), 1918 (44 plus 35 Tage = 79 Tage), 1940 (90 plus 35 Tage = 125 Tage), 1941 (20 plus 35 Tage = 55 Tage), 1942 (60 plus 35 Tage = 95 Tage) und 1945 (20 plus 35 Tage = 55 Tage). In Nichtkriegszeiten gab es noch zwei Winter im 20. Jahrhundert mit extremer Kälte und ‘Seegfrörni’: 1929 (56 plus 35 Tage = 91 Tage) und 1963 (60 plus 35 Tage = 95 Tage).
Was war rund um den Klusplatz in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg anders als heute? Zum einen war der motorisierte Individualverkehr klar weniger dicht, zum anderen hatte der öffentliche Verkehr weniger Kapazität und längere Fahrplan-Intervalle. So konnte die einspurige Wendeschlaufe den Tramlinien 3, 8 und 15 sowie den Überlandbussen und dem Trolleybus nach Witikon dienen, ohne dass es zu Engpässen kam.
1963 entstanden beim Klusplatz für den Autoverkehr die Doppelspuren auf der Witikoner- und Asylstrasse und für den öffentlichen Verkehr die Erweiterung der Endhaltestelle Klusplatz auf Doppelspur. Diese baulichen Massnahmen trugen dazu bei, dass der Klusplatz bis heute vor allem in seiner Rolle als Verkehrsknoten er-scheint und wahrgenommen wird. (Autor: Alexander Brogli)
> Bebildertes PDF von Alexander Brogli zur Geschichte des Klusplatzes